WERT.schätzen: Werte entstehen im Leben – und wachsen in Beziehungen

Salzburg. Wie entstehen Werte? Welche Orientierung geben sie jungen Menschen? Und wie können sie in pädagogischen Beziehungen glaubwürdig vermittelt werden? Mit diesen Fragen setzte die 74. Internationale Pädagogische Werktagung am Donnerstag ihren fachlichen Diskurs zum Tagungsthema „WERT.schätzen“ fort. Drei Vorträge spannten den Bogen von gesellschaftlichen Entwicklungen über elementarpädagogische Praxis bis hin zur Sozialpädagogik und machten deutlich, dass Werte weder verordnet noch selbstverständlich vorausgesetzt werden können. Sie entstehen dort, wo Menschen einander begegnen und Verantwortung füreinander übernehmen.

Werte zwischen Trends, Stabilität und vielfältigen Lebensentwürfen

Den Auftakt machte die Bildungssoziologin Gudrun Quenzel, die aktuelle Entwicklungen der Werteorientierungen junger Menschen in Deutschland und Österreich vorstellte. Grundlage waren die Shell-Jugendstudie 2024 sowie die österreichische Jugendstudie Lebenswelten 2025. Quenzel zeigte, dass Sicherheit, materieller Wohlstand und Macht für viele junge Menschen wieder wichtiger werden, während idealistische Werte an Bedeutung verlieren. Gründe dafür sieht sie unter anderem in technologischen Umbrüchen, der rasanten Veränderung von Wissen, Individualisierung, Selbstoptimierung sowie in medial oder persönlich erfahrenen Krisen. All dies prägt Erwartungen an Bildungseinrichtungen und Bildungsprozesse.

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben Kreativität, Selbstverwirklichung und Eigenverantwortung an Bedeutung gewonnen. Heute verbinden sich diese „neuen“ Werte zunehmend mit klassischen Vorstellungen von Tradition, Gesetz und Ordnung. Werte lösen einander also nicht einfach ab; vielmehr verschieben sich jene Lebensbereiche, in denen sie wichtig werden. Vertrauen und Sicherheit werden stärker im familiären und persönlichen Umfeld gesucht – weniger in großen gesellschaftlichen Institutionen.

Deutlich werde zudem, dass sich eine bewusste und eigenverantwortliche Lebensführung in vielen Bereichen durchsetzt. Zugleich wächst die Sehnsucht nach Sicherheit, Stabilität und Ordnung. Besonders ausgeprägt sei diese Entwicklung bei jungen Männern, während junge Frauen häufiger progressive und gesellschaftlich orientierte Werthaltungen vertreten. Bei „Trigger-Themen“ wie Gendern, materiellem Wohlstand oder Feminismus zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie in Fragen sexueller Orientierung und Toleranz.

Solche individuellen Grundhaltungen spiegeln sich auch in politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Positionen wider. Die Verbindung zwischen persönlichem Sicherheitsbedürfnis und dem Wunsch nach strengerer Durchsetzung restriktiver Maßnahmen sei dafür ein Beispiel.

Abschließend betonte Quenzel, dass sich die Dynamik gesellschaftlicher Veränderung nur begrenzt auf grundlegende Wertorientierungen auswirke. Viele junge Menschen versuchten vielmehr, traditionelle Werte mit neuen Anliegen zu verbinden. Besonders sichtbar werde dies bei den sogenannten „Erfolgsorientierten“, einer wachsenden Gruppe, die materialistische Ziele, idealistische Lebensvorstellungen und gesellschaftspolitische Anliegen miteinander kombiniert.

Von einer Spaltung der Wertewelten könne daher, so Quenzel, kaum gesprochen werden. Beobachtbar sei vielmehr eine Tendenz zur Integration alter und neuer Wertvorstellungen.

Werte lernen im gemeinsamen Erleben

Im zweiten Vortrag rückte Simone Breit, Hochschulprofessorin für Elementarpädagogik und Leiterin des Departments Elementarpädagogik an der PH NÖ, die pädagogische Praxis in den Mittelpunkt. Unter dem Titel „Werte – Kompass für ein gutes Leben“ zeigte sie, dass Werte nicht bloß vermittelt, sondern gemeinsam erlebt werden. „Werte entstehen nicht durch Belehrung, sondern in Beziehung und Erfahrung“, stellte Breit fest.

Wertebildung geschehe, so Breit, in der aktiven Auseinandersetzung des Kindes mit seiner Umwelt. Dabei würden Haltungen erlebt, angeeignet und mit ethischer sowie moralischer Urteilsfähigkeit verbunden. Auf Basis entwicklungspsychologischer Erkenntnisse beschrieb Breit den Elementarbereich als Erfahrungsraum, in dem Kinder Gerechtigkeit, Verantwortung und Mitbestimmung im Alltag kennenlernen. Dafür brauche es einen sicheren, von Vertrauen geprägten Rahmen, in dem sie Selbstständigkeit erproben können.

Menschenrechts- und Demokratiepädagogik seien daher nicht als zusätzliche Inhalte zu verstehen, sondern als Grundhaltung pädagogischen Handelns. Werte entstünden im gemeinsamen Nachdenken, im Dialog und in der Kooperation. Implizite Wertebildung – etwa im spielerischen und ressourcenbewussten Umgang mit Wasser – und explizite Wertevermittlung durch Dilemma-Geschichten, Gedankenexperimente oder Bilderbücher müssten zusammenwirken, betonte Breit. Gerade die Beziehungen zwischen Kindern und Pädagoginnen und Pädagogen eröffneten jene Erfahrungsräume, in denen Wertschätzung konkret werde.

Der pädagogische Raum – verstanden als Zusammenspiel von Umfeld, Methoden und Umgangsformen – bilde ein Erlebnisfeld tatsächlicher Anerkennung. Die Botschaft „Du bist in deiner Individualität wertvoll, genauso wie die anderen auch“ werde nicht einfach gelehrt, sondern müsse gelebt werden. Wertevermittlung führe junge Menschen so zur Selbsterfahrung von Werten und verweise zugleich auf die universale Menschenwürde als Grundlage jeder Wertvorstellung. „Wertebildung vollzieht sich immer als Bildung über, für und durch Menschenrechte“, unterstrich Breit.

Grundlage einer wertbasierten Gesellschaft sei daher nicht der reine Wissenstransfer über Werte, sondern die Erfahrung, die Kinder in ihren ersten Jahren machen. Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit und Wirksamkeit ermöglichten ein Werterleben, das durch Dialog, Interaktion und Respekt geprägt ist.

Vertrauen braucht reflektierte Macht

Nach der Pause richtete Klaus Wolf den Blick auf eine klassische Frage pädagogischen Handelns: Wie lassen sich Werte vermitteln, wenn Erziehung immer auch mit Macht verbunden ist? Provokant fragte Wolf, ob Wertevermittlung als eine Art Geschäft oder als bloße Weitergabe von einer Generation an die nächste verstanden werden könne. Was geschehe, wenn Kinder den Abstand zwischen formulierten Idealen und gelebter Wirklichkeit wahrnehmen? Gerade im pädagogischen Handeln funktioniere Vermittlung nicht als einfache Transferleistung. Wer Werte weitergeben wolle, müsse glaubwürdig leben, was er kommuniziert.

Die Frage, wie Menschen zu ihren Werten kommen, sei höchst komplex. Im Anschluss an Lawrence Kohlbergs „Psychologie der Moralentwicklung“ unterschied Wolf präkonventionelle, konventionelle und postkonventionelle Stufen, die die Herausbildung von Wertvorstellungen prägen. Bereits in der präkonventionellen Phase machten Säuglinge und Kleinkinder grundlegende Erfahrungen, die ihre spätere Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen. Im Übergang zur nächsten Stufe entstehe etwas, das mit Gewissensbildung oder sozialer Verantwortung beschrieben werden könne. Entscheidend sei dabei die persönliche Beziehung: Regeln würden nicht aus abstrakten Prinzipien befolgt, sondern im Bezug auf konkrete Menschen. „Kein abstraktes Prinzip“, so Wolf, „sondern die reale Begegnung und Beziehung zu anderen Personen ist hier ausschlaggebend.“

Wie in allen menschlichen Beziehungen spielten auch bei der Entwicklung von Wertvorstellungen Machtverhältnisse eine entscheidende Rolle. Jede Beziehung sei von Macht geprägt – mehr oder weniger sichtbar, kulturell beeinflusst und strukturell geformt. Quellen und Formen von Macht seien daher ein wichtiger Faktor in der Entwicklung von Kindern. Systeme von Belohnung und Bestrafung, etwa Punktesysteme oder Plus-Minus-Regeln, könnten den Übergang von einer moralischen Stufe zur nächsten sogar erschweren. Macht und Machtausübung hätten unmittelbare Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung.

Kinder und Jugendliche, die belastende Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht haben, begegneten pädagogischen Beziehungen häufig mit Misstrauen. Vertrauen könne dort nicht wachsen, wo Glaubwürdigkeit oder Integrität von Bezugspersonen infrage stehen. Umso wichtiger sei ein reflektierter Umgang mit Macht, Autorität und den eigenen Grenzen. Wertevermittlung gelinge nur, wenn Erwachsene Verantwortung übernehmen, ohne Beziehungen zu dominieren oder Macht auszuspielen. Das gelte nicht nur im direkten Verhältnis zwischen Pädagoginnen und Pädagogen und Kindern, sondern auch im Umgang von Erwachsenen untereinander, den Kinder sensibel wahrnehmen. Die Art, wie Menschen Beziehungen gestalten, wirke als Filter für spätere Werteaneignung und Wertebildung. Pädagogische Räume könnten so zu Orten werden, an denen junge Menschen Vertrauen entwickeln und eigene Werthaltungen aufbauen.

 Werte entstehen in Erfahrung und Beziehung

In den anschließenden moderierten Diskussionen wurden die drei Vorträge miteinander ins Gespräch gebracht. Deutlich wurde dabei, dass Werte immer in persönliche Erlebnisse, zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Entwicklungen eingebettet sind und zugleich im pädagogischen Alltag Gestalt annehmen. Die Diskussionen kreisten unter anderem um die Frage, wie Orientierung vermittelt werden kann, ohne Vielfalt einzuschränken, wie junge Menschen in einer pluralen Gesellschaft begleitet werden können und welche Rolle pädagogische Fachkräfte selbst als Vorbilder übernehmen.

Der Donnerstagvormittag machte deutlich, dass Wertschätzung weit über Höflichkeit oder Anerkennung hinausgeht. Sie beschreibt eine Haltung, die Beziehungen trägt, Verantwortung ermöglicht und Orientierung gibt. Damit erhielt das Tagungsthema „WERT.schätzen“ weitere Konturen und zeigte einmal mehr seine Aktualität für Bildung, Gesellschaft und Zusammenleben.

 

A.W., Juli 2026
Bilder: Hiwa Naghshi/eds

Die Internationale Pädagogische Werktagung zählt zu den bedeutendsten pädagogischen Fachtagungen im deutschsprachigen Raum. Sie richtet sich an pädagogische Fachkräfte, an Menschen aus allen Berufsfeldern, die mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeiten, sowie an Interessierte jeden Alters, die sich mit Erziehung, Bildung und personaler Entwicklung befassen. Aktuelle Forschungsergebnisse werden in einer interdisziplinären Zusammenschau von renommierten ReferentInnen vorgestellt, praxisnah aufbereitet und in Arbeitskreisen vertieft. Die Tagung, zu der rund 400 TeilnehmerInnen erwartet werden, findet jährlich in der zweiten Juliwoche im Herzen der Salzburger Altstadt statt. Ihr unverwechselbarer Charme aus fachlichem Dialog, persönlicher Begegnung, kulturellem Rahmenprogramm und persönlich-spiritueller Bereicherung macht die Tagung für viele zu einem Höhepunkt des Berufsjahres.